Feminismus heute

Schon immer wurde kontrovers über Feminismus in Deutschland diskutiert. Aber etwas hat sich seit Anfang des Jahres verändert, denn plötzlich sind neue „Verbündete“ aufgetaucht. Verbündete, von denen wir Frauen vorher nicht geahnt hatten, dass es sie überhaupt gibt. Die Stimmen reichen von eher konservativen Kreisen bis hin zu Rechtspopulisten. Nun könnte frau ja meinen, alles, was der Sache dient, ist nützlich. Ist es das wirklich?

Mich persönlich hat es besonders schockiert, dass am Tag nach der Kölner Silvesternacht es sehr schnell um alles Mögliche ging, aber nicht mehr um die Frauen – die Frauen, die diese Nacht nicht mehr vergessen werden, die bis heute mit den schrecklichen Geschehnissen versuchen müssen zu leben. Ich war am Neujahrstag keine Muslima und auch keine Feministin und keine Politikerin, ich war einfach Frau ‑ eine Frau, die großes Mitgefühl mit den Frauen hatte, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Da darf es kein Schönreden geben und auch kein Pardon. Hier muss der Rechtsstaat alle ihm zu Verfügung stehenden Mittel einsetzen. Die Übergriffe hätten nie passieren dürfen, da hilft es mir und den anderen Frauen auch nicht, dass es jedes Jahr auch auf dem Oktoberfest genau so geschieht und warum es da nicht genau so hart diskutiert wird, auch wenn diese Übergriffe natürlich ebenso schrecklich sind, und wie wir sie thematisieren müssen.

Nein heißt Nein!

Wir dürfen uns auf diese Relativierungen nicht einlassen. Sexualisierte Gewalt muss in unserer Gesellschaft immer und überall geahndet und geächtet werden. Die Täter müssen verurteilt werden. Dass das nun „leichter“ gehen soll, begrüße ich außerordentlich. Nein heißt Nein! Dass es nun nach Jahren der Anstrengung der Aktivistinnen diese Umstände brauchte, hat schon einen bitteren Beigeschmack. Dieses muss aber nicht so bleiben, denn gerade die progressiven Kräfte  können und müssen nun darauf achten, dass das Gesetz korrekt angewendet wird und eben nicht nach Hautfarbe, Religion oder Herkunft unterscheidet. Die Zukunft wird dann zeigen, ob die selbsternannten Verbündeten überhaupt noch Farbe bekennen oder ob es ihnen eigentlich um etwas ganz anderes ging.

Wir sollten uns hier auch keine Scheindebatte über Frauenrechte liefern, wenn die vermeintlichen Verbündeten eigentlich über den Islam debattieren wollen. Das tun wir schon seit Jahren… Und auch über die Rolle der Frau im Islam gibt es nichts, was noch nicht gesagt wurde! Ein Ergebnis ist mir zumindest nicht bekannt.

Mutig, persönlich, lautstark!

Was sich aber verändert hat in der Diskussion, und das ist vielleicht das einzig Positive der gesamten Debatte, ist, dass zum ersten Mal  Frauen mit Migrationsgeschichte nicht nur Zaungäste waren, sondern  das Wort ergriffen haben und dabei auch gehört wurden, ob in Talkshows oder in Gastbeiträgen. Ganz besonders bereichert wurde die Diskussion durch die Netzfeministinnen, von denen die meisten eine Migrationsgeschichte haben. Die Netzfeministinnen haben eine neue Perspektive in den Diskurs gebracht: die Perspektive der Generation von Frauen, ÜBER die jahrelang gesprochen wurde, aber nicht MIT ihnen. Diese Frauen haben sich lautstark in die Debatte eingemischt. Mutig, persönlich, wortstark!

„Herr Lehrer, Herr Lehrer,  ich weiß was!“

Tja, das ist die Seite der Integration, mit der wohl nicht alle gerechnet hatten, vor allem nicht die „Alteingesessenen“, die nach dem Motto „Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß genau, was diese Frauen denken und wollen und was gut für sie ist“ über sie bestimmt haben.

Jetzt müssen wir mit genau diesen Frauen diskutieren und ihnen zuhören, denn schau mal einer an, „die“ können ja sogar unsere Sprache!

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden, ich muss nicht alles teilen oder gut finden, was gepostet, gebloggt oder geschrieben wird. Nein, darum geht s mir auch nicht, sondern darum, dass diese jungen Frauen ‑ ja es sind überwiegend junge Frauen mit und ohne Kopftuch -, die sich intelligent, witzig, nachdenklich am Diskurs beteiligen und  vor allem den Feminismus für sich neu interpretieren. Ich freue mich auf diese neue Form des „Einmischens“. Dass aber Frauen wie Alice Schwarzer, die sich  doch bisher immer für eine solche Entwicklung des Feminismus eingesetzt haben, nun diese jungen Frauen disqualifizieren wollen, weil sie eine andere Meinung vertreten, ist für mich unverständlich. Ich finde es schade.

Aber auch das wird die Debatte aushalten. Wir sollten diese Chance nutzen und vor allem in die Problemlösung einbeziehen. Diese neue Generation von Frauen kann viel intensiver in die eigenen Communities hineinwirken und uns gerade bei den schwierigen Themen, die auch den Islam berühren, helfen. Denn gerade diese Vorbilder suchen wir doch auch, um dem  patriarchalischen und  autoritären Islam ein positives, progressives Frauenbild entgegen zu halten.

Wir sollten hier nicht verzagen und uns keine Debatte aufdrängen. Unsere Werte sind klar und deutlich. Es geht und muss uns immer um die Selbstbestimmung der Frau gehen. Sie hat ein Recht auf Bildung und fairen Zugang zu Arbeit. Frauen müssen finanziell unabhängig sein, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dafür haben wir uns eingesetzt und dafür werden wir uns auch weiterhin einsetzen. Und wenn die eine Frau meint, ihr selbstbestimmtes, von ihr ausgesuchtes Leben beinhaltet das Kopftuch, dann ist das zu akzeptieren! Früher war es der Minirock!

Wenn aber Frauen auf Druck der Familie, des Mannes oder der Gesellschaft zu etwas gezwungen werden, stehen wir eben genau für diese Frauen ein. Und wir werden uns dem mit aller Kraft entgegenstellen. Denn diese Realität auszublenden, wäre fatal. Und das tut auch niemand! Niedrigschwellige und mehrsprachige Angebote, ausreichend Plätze in Frauenhäusern müssen vorhanden sein. Und schauen wir uns die Einrichtungen an, die Angebote gerade auch für Frauen mit Migrationsgeschichte anbieten: Sie werden angenommen. Unsere Anstrengungen haben sich gelohnt: Was noch vor dreißig Jahren ein Problem war, nämlich überhaupt das Angebot „an die Frau“ zu bringen ‑, läuft heute wie von selbst.

Zumindest bei uns in SH.

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